Warum sollte man Latein lernen?

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Informationen zur Wahl der zweiten Fremdsprachezeigefingerroemer
Das WBG bietet den Schülerinnen und Schülern für die Wahl der zweiten Fremdsprache die Fächer Französisch, Spanisch und Latein. Für viele Betroffene ist dies keine einfache Wahl. Die Entscheidung sollte reiflich überlegt sein, da ein späterer Wechsel des Faches ohne Wiederholung eines Schuljahres in der Regel nicht möglich ist. Erst die Einführungsphase (Jg. 10) bietet wieder die Möglichkeit, die zweite Fremdsprache zu beenden und eine neue zu beginnen.
Die Lateinlehrer des WBG möchten daher den betroffenen Schülerinnen und Schüler des 5. Jahrgangs und deren Eltern Hilfen für die Entscheidung zur Hand geben.
Erfahrungsgemäß wird oft die Frage gestellt:
„Wozu ist Latein gut?“
Eine Antwort wie bei den modernen Sprachen ist nicht möglich. Latein ist keine gesprochene Sprache. Latein ist eine Bildungssprache. Sie ist daher gerade im gymnasialen Bereich mit der Vermittlung grundlegender Kompetenzen von wachsender Bedeutung.
Die Ziele des gymnasialen Lateinunterrichts:prima1
Durch die PISA-Untersuchungen wurde eine größere Öffentlichkeit mit dem Problem konfrontiert, dass viele Schüler überhaupt nicht mehr in der Lage sind, einen anspruchsvollen Text zu lesen und zu verstehen. Sorgen bereitet auch, dass inzwischen ein großer Teil der Studenten dem angestrebten Studium nicht oder nur unzureichend gewachsen ist und dies oft unter erheblichen finanziellen Verlusten abbricht.
Wenngleich der schulische Lateinunterricht keine Garantie für einen späteren Bildungs- und Berufserfolg gibt, kann er doch dazu beitragen, einem Scheitern vorzubeugen.
Eines der Ziele des Lateinunterrichts ist es nämlich, anspruchsvolle Texte, nämlich auch Texte mit langen Sätzen und abstrakten Inhalten, gründlich lesen zu lernen, zu verstehen und dazu Stellung zu nehmen. Schülerinnen und Schüler, die sich auf den Lateinunterricht einlassen, lernen so auch, die deutsche Sprache präziser und abwechslungsreicher zu gebrauchen. Der Grund liegt in der Tatsache, dass lateinische Texte nicht wörtlich ins Deutsche übertragen werden können.
Darüber hinaus erleichtern die intensive Beschäftigung mit dem lateinischen Vokabular, der Grammatik und der damit verbundene Erwerb einer Metasprache („Sprechen über Sprache“) den Erwerb evt. später benötigter moderner Fremdsprachen. So gesehen ist Latein gerade kein Umweg, sondern der kürzeste Zugang zum Erlernen weiterer Fremdsprachen.
Auch wenn internationale wissenschaftliche Veröffentlichungen heutzutage meistens in englischer Sprache erscheinen, sollte man wissen, dass das Schulenglisch auf das Verständnis vieler wissenschaftlicher Fachausdrücke nur sehr bedingt vorbereitet. Diese Fachausdrücke stammen zum großen Teil aus der romanischen Wurzel der englischen Sprache, also letztlich aus dem Lateinischen. Bei den klassischen natur- wie geisteswissenschaftlichen Studienfächern (Medizin, Biologie, Pharmazie, Physik, Chemie, Jura, Politik, Psychologie, Sprachen, Philosophie u.a.m..) ist das nichts Neues. Einen Beleg dafür liefert aber auch die "Informatik". Auch hier wird der Zugang zu vielen Begriffen, die sich z.B. auf die Arbeit mit dem "Personal Computer" (persona - computare) beziehen, durch Latein erleichtert, z.B. "cursor" (currere), "remove" (removere), "delete" (delere), "insert" (inserere) etc.
prima6Welche Vorstellungen führen am häufigsten zu einer falschen Entscheidung für Latein?
a) „Latein ist die leichteste der zur Wahl stehenden Fremdsprachen“.
Richtig ist zwar, dass die Unterrichtssprache Deutsch ist, doch muss immer auch berücksichtigt werden, dass im Lateinunterricht nicht einfach kommuniziert wird, sondern auch über für Schülerinnen und Schüler zwar interessante, aber doch oft zunächst ungewohnte Inhalte gesprochen wird. Noch wichtiger ist hier aber der Hinweis darauf, dass im Lateinunterricht abstrahierend über Sprache selbst gesprochen wird. Gerade auch deshalb ist Latein auf den gymnasialen Bildungsbereich beschränkt und in anderen Schulformen kaum anzutreffen.
b) „Mit Latein können gravierende Defizite im Bereich des Deutschen ausgeglichen werden.“
Selbstverständlich wird im Lateinunterricht auch intensiv auf die deutsche Sprache eingegangen, doch ist die Annahme dennoch falsch, weil die Lernprogression zu Beginn des Lateinunterrichts recht hoch ist und auf den gramm. Lernstoff des Faches Deutsch aus Klasse 5 zurückgegriffen werden soll.
c) „Latein ist für Schüler mit Lese-Rechtschreibschwäche die am besten geeignete zweite Fremdsprache“.
An dieser Behauptung ist nur richtig, dass deutsche Rechtschreibfehler in den anzufertigenden Übersetzungen in der Sek. I nicht bei der Zensierung negativ berücksichtigt werden. Ihr steht aber die Tatsache entgegen, dass es im Lateinischen auch in der Benotung gerade auf die Schriftlichkeit ankommt und höchster Wert auf Genauigkeit gelegt wird. Latein ist eine Endungssprache. D.h. die einzelnen Wörter eines Satzes erhalten ihre Funktion innerhalb eines Satzes durch die oft aus nur ganz wenigen Buchstaben bestehenden Endungen. Bei nahezu freier Wortstellung im Satz kommt es daher auf eine genaue Analyse kleinster Elemente entscheidend an.
Welche Kinder sollten sich also für Latein entscheiden?
  • Kinder, die das Abitur machen. Dies macht es erforderlich, dass die Kinder die Voraussetzung für eine lange gymnasiale Schuldauer mitbringen. Hier sollten durchaus die Laufbahnempfehlung und die Noten in den Kernfächern am Ende der Klasse 5 beachtet werden: Die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik sollten nicht schwächer als mit befriedigend benotet sein.
  • Kinder, die mit dem Gedanken spielen ein Hochschulsstudium anzustreben, für das ggf. eine der Latinumsqualifikationen gefordert sein könnte.
  • Kinder mit Leistungs- und Lernbereitschaft. Im Lateinischen kommt es gerade auf die ersten Lernjahre an. Sogenannte „Spätzünder“ haben nur geringe Chancen.
  • Kinder mit Konzentrationsvermögen, Ausdauer und einer gewissen Frustrationstoleranz. Lateinschüler und –schülerinnen müssen es ertragen können, für ihre Anstrengungen nicht sofort belohnt zu werden. Kinder, die wenig Ausdauer beim Lernen zeigen und sich nicht konzentrieren können, werden es mit Latein schwer haben und sich und ihren Mitschülern und Mitschülerinnen unnötige Misserfolge bereiten.
Noch konkreter:
  • Die potentiellen Lateinschülerinnen und –schüler sollten einige der folgenden Eigenschaften und Bereitschaften mitbringen:
  • eine Sache ganz genau wissen wollen,prima3
  • Bereitschaft zu regelmäßigem Lernen, Üben und Wiederholen,
  • Sinn für Ordnungen und Systeme (Sammlungen) haben,
  • Freude an Denkspielen, Puzzles oder Schach,
  • nicht ungern auch mal allein sein,
  • nicht vorwiegend Zerstreuung und Ablenkung am Fernseher oder an Computerspielen suchen,
  • sich sinnvoll mit sich selbst beschäftigen können (lesen, musizieren etc.).